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Allergien – Risiken und Therapieformen

Dr. med. Stefan Weis, Leitender Oberarzt der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin

Mit den steigenden Temperaturen nimmt auch der Pollenflug zu. Die Bäume blühen, der Nachbar mäht den Rasen und das Unkraut sprießt an jeder Ecke. Für Allergiker bedeutet das meist: Augen zu und durch… Aber das muss nicht so sein. Damit Sie und Ihre Familien möglichst gut die Allergiesaison überstehen, bekommen Sie hier interessante Informationen.

 

 

 

 

Dr. med. Stefan Weis ist Leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendmedizin und spezialisiert in den Bereichen Kinderpneumologie, Allergologie, Hämato-Onkologie.
Im Interview erklärt er, welche Allergien am häufigsten vorkommen, wer zu allergischen Erkrankungen neigt, wodurch sie begünstigt werden und welche Therapieformen es gibt. 

 

1.  Wer neigt zu Allergien?
Menschen, deren Eltern oder Geschwister bereits eine allergische Erkrankung aufweisen, haben ein erhöhtes Risiko, selbst eine allergische Erkrankung zu entwickeln (Einfluss der Vererbung). Ein Kind, dessen Eltern beide an Heuschnupfen leiden, trägt rein statistisch ein  ca. 70%iges Risiko, ebenfalls eine allergische Erkrankung bzw. Heuschnupfen zu entwickeln. Allerdings können Allergien auch auftreten, wenn die Vorfahren nicht betroffen sind.
Hoher sozioökonomischer Status und das Leben in einer Großstadt sind ebenfalls mit häufigerem Auftreten allergischer Erkrankungen verbunden (Einfluss von Umweltfaktoren). Umweltverschmutzung alleine verursacht keinen Anstieg allergischer Erkrankungen: In einer stark umweltverschmutzten Region Ostdeutschlands (Bitterfeld; chemische Industrie) war zur Wendezeit zwar die Bronchitisrate insbesondere bei Kindern hoch, die Allergierate jedoch  nachweislich deutlich geringer als in einer vermeintlich sauberen westdeutschen Großstadt-Region mit eher geringer Industrie (München). Inzwischen - nach erheblicher Verringerung der Umweltverschmutzung – hat sich die Allergierate dort auf einem hohen Niveau angeglichen.

 

2. Welche sind die häufigsten allergischen Erkrankungen?
Fast 20% aller in Deutschland lebenden Menschen leiden aktuell an einer allergischen Erkrankung. Fast jeder dritte Einwohner Deutschlands ist irgendwann in seinem Leben von einer allergischen Erkrankung bzw. Allergiesymptomen betroffen. Während der gesamten Lebenszeit erleiden 8,6% der Menschen ein Asthma bronchiale, 14.8% Heuschnupfen, jeweils 3.5% Neurodermitis bzw. Urtikaria (Nesselsucht), 8.1% Kontaktekzeme, 4.7% Nahrungsmittelallergien und 2.8% Insektengiftallergien (Bundesgesundheitsblatt 2013). Frauen sind generell häufiger betroffen als Männer und Jüngere häufiger als ältere Menschen. 
Im Kindes- und Jugendalter gehören Heuschnupfen, allergisches Asthma, aber auch Nahrungsmittelallergien (jeweils altersabhängig unterschiedlich) zu den häufigsten allergischen Erkrankungen. Besonders häufig sind sogenannte pollenassoziierte Nahrungsmittelkreuzallergien zu beobachten. Bspielsweise vertragen viele Birkenpollenallergiker keine Äpfel. 
„Echte“ Allergien gegen das Gift der in der warmen Jahreszeit fliegenden Insekten Biene/Hummel bzw. Wespe/ Hornisse sind zwar selten, können  aber im Einzelfall bedrohlich sein; innerhalb kurzer Zeit nach dem Stichereignis kommt es dann zu Symptomen wie Urtikaria (Nesselsucht), Quincke-Ödem (Schleimhautschwellung), Übelkeit und Erbrechen, Atemnot, u.U. Bewusstseinseintrübung und Kreislaufversagen. Solche potentiell bedrohlichen Insektengiftallergien mit  Allgemeinsymptomen sind abzugrenzen von den meist harmlosen hyperreagiblen (überschießenden) Lokalreaktionen nach Insektenstichen.
Im Erwachsenenalter spielen auch Kontaktallergien eine recht bedeutsame Rolle. 

 

3.  Welche Therapieformen gibt es? Wie beurteilen Sie diese?
Als Therapiestandard für die Behandlung des Heuschnupfens werden nach wie vor erfolgreich sogenannte Antiallergika eingesetzt, welche die Botenstoffe der allergischen Entzündungsreaktion abfangen (Antihistaminika). Sie werden sowohl topisch (örtlich) z.B. auf die Nasenschleimhaut, ins Auge als auch systemisch – in Tropfen-, Saft- oder Tablettenform –  verabreicht.
Bei Stockschnupfen sind örtlich auf die Nasenschleimhaut verabreichte Cortisonpräparate wirksamer und meist gut verträglich. Wegen stärkerer Nebenwirkungen dürfen Cortisonpräparate am Auge nur kurzfristig und auf ausdrückliche ärztliche Verordnung eingesetzt werden. Für die Anwendung als Nasenspray bei stark betroffenen Heuschnupfenallergikern werden inzwischen auch Kombinationspräparate von topischen Antihistaminika und topischen Cortisonpräparaten angeboten.
Allgemeinmaßnahmen wie abendliche Nasenspülungen mit isotoner Kochsalzlösung, Schleimhautpflege mit rückfettenden Nasencremes können ebenfalls hilfreich sein.

 

Für die Behandlung des allergischen Asthma bronchiale erfolgt die Langzeit-Therapie abgestuft je nach Schweregrad:

  • Bronchialerweiternde Bedarfsinhalation,
  • regelmäßig durchzuführende entzündungshemmende Therapie mit inhalativen Cortisonpräparaten bzw. dem in Form von Granulat oder Tabletten zu verabreichenden, entzündungshemmenden Wirkstoff Montelucast,
  • zusätzlich regelmäßige Inhalation mit einem „Langzeit-Bronchialerweiterer“ (Wirkungsdauer ca. 12 Std. nach Inhalation)

Teilnahme an einer Asthmaschulung, Vermeidung von Asthmaauslösern, z. B. gegenüber behaarten Tieren bei Vorliegen einer entsprechenden Allergie, gehören ebenfalls zum Therapiekonzept. Naturgemäß kann man z. B. Birken- oder Gräserpollen nicht vollständig ausweichen. Abendliches Haarewaschen, An- und Auskleiden außerhalb des Schlafraums und entsprechendes Lüftungsverhalten können aber zumindest die häusliche Allergenlast reduzieren.
Von Insektengiftallergikern sollten auch Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung von Bienen- oder Wespenstichen beachtet werden (im Freien Verzicht auf süße Speisen und Getränke, auf Barfußlaufen, auf Tragen bunter bzw. gelber Kleidung, auf Duftstoffe und Kosmetika; Meiden der Nähe zu Abfalleimern, Fallobst, Bevorzugung langärmliger Kleidung). 

 

Für die ursächliche Behandlung z. B. einer Pollenallergie bietet sich nach sorgfältiger Vordiagnostik mit dem Ziel der genauen Identifikation des krankheitsverursachenden Allergens die Hyposensibilisierung an. Dies ist ein Verfahren, bei dem subkutane (unter die Haut) oder sublingual (unter die Zunge) verabreichte, abgeänderte Allergenbestandteile das Immunsystem zu einer Toleranz gegenüber dem krankheitsverursachenden natürlichen Allergen (z. B. Birken- oder Gräserpollen)  „umpolen“ können. In der Regel kann man bei richtiger Indikation und Therapietreue über mindestens drei Jahre eine lang anhaltende, deutliche Besserung des Beschwerdebilds erwarten. Diese spezifische Immuntherapie (subkutan) verspricht bei Insektengiftallergikern eine annähernd 100%-ige Erfolgsrate. Für Insektengiftallergiker ist das Mitführen eines Notfall-Sets zwingend (flüssiges Antihistaminikum, flüssiges Cortison-Präparat, Epinephrin-Pen für die intramuskuläre Selbstinjektion nach entsprechender Schulung).
In der Erprobung sind optimierte Verfahren der Hyposensibilisierung, welche eine noch bessere Verträglichkeit, Verkürzung der Anwendungsdauer und noch bessere Wirksamkeit gewährleisten sollen. Dies will man u. a. erreichen durch individuelle Behandlung eines Patienten mit den für ihn relevanten Allergenbestandteilen. 


4. Begünstigen übermäßige Hygiene, schlechte Ernährung oder Rauchen das Risiko, allergische Erkrankungen zu entwickeln?
Es gibt unübersehbare Belege dafür, dass Rauchen, aber auch Übergewicht – neben vielen sonstigen schädlichen Einflüssen auf die Gesundheit eines Menschen, u. a. auch die Entstehung von Asthma und Allergien begünstigen.

 

Weltweit hat in den letzten 40 Jahren die Häufigkeit allergischer Erkrankungen signifikant zugenommen, die Asthmarate steigt auch jetzt noch.
Ein Versuch, dieses Phänomen zu erklären,  ist die Hygienehypothese: Früher waren die Menschen häufiger mit Parasiten besiedelt, insbesondere auch von Wurmerkrankungen des Darms betroffen, hatten aber viel seltener Allergien. Vor kurzer Zeit konnte gezeigt werden, dass die auf einem Bauernhof aufgewachsenen Menschen gegenüber Stadtbewohnern ein geringeres  Risiko für die Entwicklung allergischer Erkrankungen haben. Dies hat man sich zunutze gemacht, indem man bestimmte Bakterienlysate, wie sie im Stall vorkommen, isoliert und den Kindern aus Allergikerfamilien systematisch zugeführt hat; man erhofft sich die Vermeidung des Ausbruchs allergischer Erkrankungen bei diesen Personen aus Familien mit einem hohen Risiko für die Entwicklung einer allergischen Erkrankung. Bei Bestätigung der zunächst in Studien erhobenen Behandlungserfolge sollen entsprechende Produkte für die vorbeugende Behandlung von Kindern mit hohem Allergierisiko eingesetzt werden.  

 

Während man früher Eltern aus „Allergikerfamilien“ u. a. empfohlen hat, bezüglich  der Ernährung ihres Kindes auf potentielle Nahrungsmittelallergene wie Hühnerei, Fisch, Milch u. Ä. zumindest im ersten Lebensjahr zu verzichten, gibt es inzwischen Hinweise dafür, dass die Zufuhr bestimmter Nahrungsmittel in einem bestimmten Zeitfenster (z. B. Fisch) durchaus schützende Wirkung bezüglich des Allergierisikos haben kann.
So scheinen Kinder häufiger Erdnussallergien zu entwickeln, wenn sie in eine Familie hineingeboren worden sind, in der die Familienangehörigen im Haushalt selbst häufig Erdnüsse essen, ihre Säuglinge aber nur indirekt über die Haut mit Erdnüssen in Kontakt kommen. Man vermutet, dass regelmäßiges Essen altersgerecht zubereiteter erdnusshaltiger Produkte in einer bestimmten Phase des Säuglingsalters andererseits vor der Entwicklung einer Erdnussallergie schützen kann. (Nüsse sollten im Kleinkindalter aufgrund der Aspirationsgefahr – Verschlucken in die Bronchien – grundsätzlich allerdings nicht in Nussform verabreicht werden.)
Für Ei- oder Milchallergiker zeigen Studien die Erzielung einer Toleranz (Verträglichkeit, Beschwerdefreiheit) bei rund einem Drittel der Testpersonen für den Fall, dass täglich eine bestimmte Grenzdosis der Allergene an die allergischen Patienten verabreicht wird.
Wird allerdings eine Weile mit der Zufuhr ausgesetzt, stellen sich bei den allermeisten Testpersonen bei erneuter Zufuhr des Allergens (Ei oder Kuhmilchprodukt) wieder die gleichen bzw. unter Umständen noch bedrohlichere Symptome ein.
Einer Untergruppe von Menschen mit Nahrungsmittelallergien kann man in Zukunft jedoch wahrscheinlich mit einem entsprechenden  Ernährungsprotokoll helfen.

 

5.  Gibt es etwas zum Thema Allergien, was Sie den Menschen mit auf den Weg geben wollen?
Vorkommen, Art und Schweregrad von Allergien können sich im Laufe eines Menschenlebens durch natürliche, biologische Vorgänge ändern. Viele Menschen müssen nach dem heutigen Stand der Wissenschaft aber mit „ihrer“ Erkrankung leben. Für die meisten Betroffenen gibt es dafür eine Reihe gut wirksamer Behandlungsmaßnahmen. Diese müssen dann aber auch unter Führung eines vertrauten Arztes konsequent beachtet und umgesetzt werden, will man eine guten Therapieeffekt und damit eine gute Lebensqualität erreichen.

 

Alternativmedizinische Therapieverfahren können durchaus zu einer Linderung von Beschwerden beitragen. Jedoch gibt es eine Vielzahl von Verfahren, die bei weitem nicht alle geeignet sind. Letztlich gilt: Wer heilt, hat recht. Insbesondere bei der Behandlung ernsterer Krankheitsformen – wie z. B. des allergischen Asthma bronchiale - sollten wissenschaftlich belegte schulmedizinische Maßnahmen jedoch unbedingt unter Regie eines kundigen und vertrauten Arztes beibehalten bzw. durchgeführt werden, um ernsthafte gesundheitliche Risiken zu minimieren.

 

Viele Medikamente zur Behandlung des Heuschnupfens gelten ab einem Alter von 12 Jahren nicht mehr als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Wer selbst betroffen ist, wer Angehörige oder Mitarbeiter/innen im Betrieb mit der scheinbar banalen Erkrankung „Heuschnupfen“ hat, weiß, wie Leistungsfähigkeit und  Lebensqualität der Betroffenen auch durch Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Unwohlsein beeinträchtigt sein können. Wenigstens als Mitmenschen sollten wir uns um Verständnis bemühen.

 


Weitere Informationen nur zum Thema Heuschnupfen finden Sie hier.