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Rheuma bei Kindern

Dr. Isa Feddersen ist Oberärztin der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Mutterhaus

Noch immer wird Rheuma vor allem mit älteren Patienten in Verbindung gebracht. Doch die Erkrankung trifft auch Kinder und Jugendliche. Etwa eins von 1000 Kindern ist von kindlichem Rheuma betroffen. Sie sind deshalb häufig Vorurteilen ausgesetzt, weil sie langsamer schreiben und laufen als ihre Spielkameraden oder Hilfsmittel benutzen, die anderen Kindern fremd sind.

Dr. Isa Feddersen ist Oberärztin der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Mutterhaus und auf Rheumatologie spezialisiert. Im Interview gibt sie Auskunft über die Krankheit und ihre Therapie.

Was sind die Ursachen für Rheuma im Kindesalter?
Dr. Isa Feddersen:
Das kindliche Rheuma ist eine Autoimmunerkrankung. Eine Fehlsteuerung im Immunsystem des Betroffenen führt zu einer Abwehrreaktion auf das körpereigene Gewebe in den Gelenken. Der medizinische Fachbegriff lautet Juvenile Idiopathische Arthritis (JIA). Idiopathisch bedeutet, dass die genaue Ursache unbekannt ist, aber man geht davon aus, dass viele Faktoren bei der Entstehung der Erkrankung eine Rolle spielen, darunter auch Erbfaktoren und äußere Einflüsse wie Infektionen.

Was sind Anzeichen, die einen ersten Hinweis auf eine rheumatische Erkrankung geben?
Rheuma ist eine Entzündung der Gelenke, die meist länger als sechs Wochen andauert und sich durch Schmerzen und Schwellungen in den Gelenken, insbesondere dem Kniegelenk, äußert. Wenn solchen Symptomen keine akute Verletzung, etwa durch einen Sturz, vorausgegangen ist, kann es sich dabei um Anzeichen einer rheumatischen Erkrankung handeln. Eltern sollten ärztlichen Rat einholen, wenn das Kind anfängt zu hinken oder das Laufen vollständig verweigert. Kleinkinder wollen plötzlich wieder getragen werden, obwohl sie bereits laufen können. Ältere Kinder klagen auch über Rücken- oder Fersenschmerzen. Je nachdem, welche Gelenke betroffen sind, können Greifbewegungen unnatürlich aussehen. Ein weiterer Hinweis ist die Morgensteifigkeit: Das bedeutet, das die Gelenke morgens oder nach längerem Verharren in einer Position unbeweglicher sind und einige Zeit brauchen, bis sie normal bewegt werden können. Auch häufige Fieberschübe ohne erkennbare Ursache können ein Zeichen für Rheuma sein.

An wen können sich Eltern wenden, wenn Sie solche Anzeichen bei ihrem Kind feststellen?
Die erste Anlaufstelle sollte immer der Kinderarzt sein. Dieser wird das Kind untersuchen und an das Krankenhaus überweisen, wenn sich der Verdacht auf Rheuma verhärtet.

Welche Auswirkungen hat die Krankheit auf das tagtägliche Leben der jungen Patienten und ihrer Familien?
Das hängt von der Schwere der Erkrankung ab. Bei manchen Kindern ist nur ein Gelenk zeitweise geschwollen. Diese Kinder haben dann nur selten Probleme. Leider gibt es hin und wieder auch schwere Fälle, bei denen die Gelenke kaum mehr bewegbar sind und die Kinder auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Auf jeden Fall müssen die Betroffenen regelmäßig Medikamente einnehmen. Hinzu kommen Krankengymnastik und Ergotherapie. Gerade im sportlichen Bereich sind oftmals Einschränkungen vorhanden und bei akuten Schüben der Erkrankung müssen bestimmte Sportarten oder der Schulsport ausgesetzt werden.
Das Thema Schule ist bei Kindern natürlich von besonderer Bedeutung. Wenn Hände und Finger von den Entzündungsprozessen betroffen sind, schreiben die Kinder langsamer als ihre Klassenkameraden. Deshalb muss ihnen bei Klassenarbeiten mehr Zeit eingeräumt werden. Oft können auch spezielle Schienen die Gelenke entlasten und Schmerzen reduzieren. Auch andere feinmotorische Aufgaben, wie das Öffnen einer Flasche, können beeinträchtigt sein. Hier können gezielt Hilfsmittel verordnet werden, die diese Aufgaben erleichtern.

Wie sieht die Therapie bei kindlichem Rheuma aus?
Die Juvenile idiopathische Arthritis kann nicht ursächlich behandelt werden. Deshalb ist das Hauptziel der medikamentösen Therapie die Kontrolle und Reduktion der Symptome, also vor allem der Entzündung und der damit verbundenen Schmerzen. Auf lange Sicht soll so die Gelenk- und Knorpelzerstörung aufgehalten werden.
Dies erfolgt hauptsächlich durch die Gabe von entzündungshemmenden Arzneimitteln. Dazu gehören in erster Linie die NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika), die Schmerzen und Entzündungen vermindern. Des Weiteren arbeiten wir mit sogenannten krankheitsmodifizierenden Medikamenten (z. B. Hydroxchloroquin oder Sulfasalazin), die ebenfalls den Entzündungsprozess unterdrücken. Auch Immunsuppressiva oder Biologika kommen zum Einsatz. Die medikamentöse Behandlung wird durch Krankengymnastik und Ergotherapie ergänzt.

Kann die Krankheit geheilt werden?
Bei mehr als der Hälfte der betroffenen Kinder kann die Erkrankung bis ins Erwachsenenalter zum Stillstand gebracht werden. Bei 70 bis 90 % der Kinder kann der Krankheitsverlauf verbessert werden, sodass sie ohne größere Beeinträchtigungen leben. Leider gibt es immer wieder auch Ausnahmefälle mit schwerwiegenden Krankheitsbildern und ungünstiger Prognose.

Wie viele Kinder sind an Rheuma erkrankt?
Hier im Mutterhaus behandeln wir Kinder aus dem ganzen Eifel-Hunsrück-Gebiet. Von den 100.000 Kindern, die dort leben, sind etwa 100 Kinder betroffen. Dabei kommen jedes Jahr rund sieben Neuerkrankungen hinzu. Bundesweit sind etwa 15.000 Kinder erkrankt.

Quelle und weitere Informationen: www.agkjr.de