Klinikum Mutterhaus Mitte

 

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Radiosynoviorthese

Chronisch entzündliche Gelenkerkrankungen beruhen auf einer dauerhaften Entzündung der Gelenkinnenhaut. Makrophagen – große Immunzellen, die störende Teilchen „fressen” – halten diese Entzündung in Gang. Eine Behandlungsform ist die Radiosynoviorthese, bei der feinste radioaktive Teilchen in den Gelenkspalt gespritzt werden. Die Makrophagen fressen auch diese Teilchen – und sterben daran. Die Entzündung kommt so zum Stillstand, teilweise für immer.

Radiosynoviorthese bedeutet: Wiederherstellung (Orthese) der Gelenkschleimhaut (Synovialis) mithilfe radioaktiver Substanzen. Sie ist eine wirksame Methode, die bei schmerzhaften entzündlichen Gelenkerkrankungen schon über zwei Jahrzehnte eingesetzt wird.

Schwerpunkt der behandelten Krankheiten ist die chronische Polyarthritis (entzündlicher Gelenkrheumatismus). Rheuma ist eine systemisch, also den ganzen Körper betreffende Erkrankung, deren Ursache weitgehend unbekannt ist. Man nimmt heute an, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, also ein Geschehen, bei dem der Körper gegen eigene Körperbestandteile aggressiv mit einer Entzündung reagiert, weil er sich fälschlich als Fremdsubstanzen erkennt. Dieser innere Kampf führt zur Schädigung im ganzen Körper, insbesondere aber in den Gelenken, hier wiederum an der Gelenkschleimhaut.

Synovialitis ist die Entzündung der Gelenkschleimhaut (Synovialis). Die Gelenkschleimhaut wuchert oft korallenartig, zerstört dabei Knorpel, dringt in den Knochen ein, zerreißt Bänder und Sehnen und kann in unterschiedlich raschem Fortschreiten zu schweren Gelenkzerstörungen führen.

Sind ein oder wenige Gelenke intensiv betroffen, empfiehlt es sich, die Radiosynoviorthese – die Erneuerung der Gelenkschleimhaut durch radioaktive Stoffe – frühzeitig einzusetzen, möglichst bevor Gelenkzerstörungen eingetreten sind.

Erneuerung der Gelenkschleimhaut

In ein erkranktes Gelenk wird mithilfe einer einfachen Punktion ein radioaktiver Stoff injiziert (gespritzt):

  • große Gelenke (Knie): Yttrium‑90
  • mittlere Gelenke (Schulter-, Ellbogen-, Hand-, Hüft-, Sprunggelenk und andere): Rhenium‑186
  • kleinere Gelenke (Finger- und Zehengelenke): Erbium‑169

Bei diesen 3 Stoffen handelt es sich um so genannte Betastrahler. Diese Strahler haben eine sehr kurze Reichweite von 0,5 bis 4 mm, sind auf dieser Strecke aber zellzerstörend. Die (physikalische) Halbwertszeit ist kurz: Yttrium‑90: 2,7 Tage, Rhenium‑186: 3,7 Tage und Erbium‑169: 9,5 Tage.

Nach der Injektion in das Gelenk kommt es zu einer gleichmäßigen Verteilung in der Gelenkflüssigkeit. Die Stoffe, gebunden an winzige Partikel, werden von den oberflächlichen Zellen der kranken Gelenkschleimhaut aufgenommen, sodass sich die unverwünschte Wirkung dieser radioaktiven Substanzen an der Oberfläche der kranken Gelenkschleimhaut abspielt

Im Lauf der nächsten Zeit kommt es zu einer allmählichen lederartigen Verschorfung der Schleimhautoberfläche mit Abnahme der Schleimhautschwellung. Dabei werden feinste Kanälchen verschlossen, aus denen Ergussflüssigkeit ins Gelenk gelangte und auch die feinsten Nervenendigungen ausgeschaltet, sodass der Schmerz vermindert oder beseitigt und die Gelenkfunktion verbessert wird.

Die Wirkung tritt allmählich ein, manchmal schon nach wenigen Tagen, in manchen Fällen auch erst nach Wochen oder Monaten. Die endgültige Wirkung lässt sich erst nach etwa 6 Monaten beurteilen. Gegenüber anderen Therapieverfahren hat die Radiosynoviorthese entscheidende Vorteile.

Vorteile der Radiosynoviorthese

Abgesehen von der etwas zeitaufwendigen, aber notwendigen Voruntersuchung ist die eigentliche Therapie ein relativ kleiner Eingriff. Eine Rehabilitation wie nach einer Operation ist nicht notwendig. Die Therapie ist auch bei Patienten mit sehr hohem Operationsrisiko möglich. Mehrere Gelenke können gleichzeitig oder in kürzeren Zeitabständen behandelt werden. Bei nicht ausreichender Wirksamkeit kann die Therapie ohne weiteres wiederholt werden. Dies kann vorkommen bei schon weit fortgeschrittenen krankhaften Veränderungen. Gewöhnlich reicht eine einmalige Behandlung eines Gelenks.

Nuklearmedizinische Untersuchung

Zur Überprüfung der Indikation und zur Planung und Dosisabschätzung vor der Radiosynoviorthese ist in der Regel eine Gelenkszintigrafie und Gelenksonografie erforderlich, die in Form der sog. 3-Phasen-Skelettszintigrafie bis auf wenige Ausnahmen durchgeführt wird.

Für die Planung einer Radiosynoviorthese ist diese Diagnostik unverzichtbar, da damit Gelenkentzündungen (Arthritis bzw. Synovialitis) hochempfindlich nachgewiesen werden können, oft sogar schon Monate vor Beginn spürbarer Beschwerden und röntgenologisch sichtbarer Veränderungen.

Diese Perfusions- und Weichteilszintigrafie der Gelenke (auch "Entzündungsszintigrafie" genannt) wird ergänzt werden durch zusätzliche, spätere Aufnahmen (Skelettszintigrafie). Diese kann vor allem bei Gelenkverschleiß (Arthrose) wichtig sein. Damit kann am besten zwischen entzündlicher (Arthritis bzw. Synovialitis) und knöchern-degenerativer (Arthrose) Komponente unterschieden werden, abgesehen von oft wertvollen zusätzlichen Informationen.

Vorgehen

Sie bekommen eine intravenöse Injektion einer radioaktiv markierten Substanz, die eine nur minimale Strahlenbelastung bedeutet.

Nach einigen Minuten werden dann mit einer Gammakamera Aufnahmen (Weichteilszintigramme) von den erkrankten Gelenken angefertigt (Dauer ca. 15-30 Minuten). Meist ist der szintigrafische Untersuchungsteil hiermit beendet.

Wird noch eine Skelettszintigrafie angeschlossen, dann haben Sie eine Pause von 2-3 Stunden, nach der Aufnahmen ("Spätaufnahmen") meist vom gesamten Skelett- bzw. Gelenksystem angefertigt werden (Dauer ca. 30-45 Minuten).

Da kaum ein Patient mit dem anderen vergleichbar ist, wird das Untersuchungsprogramm jeweils den individuellen Bedürfnissen angepasst.

Ultraschalluntersuchung (Sonografie)

Häufig wird eine Ultraschalluntersuchung der/des betroffenen Gelenke(s) durchgeführt, z.B. bei Kniegelenkserkrankungen. Damit lassen sich z.B. Gelenkergüsse und krankhafte Anschwellungen der Gelenkschleimhaut feststellen.

Besprechung

Nachdem Sie ihre Angaben zum Krankheitsverlauf und Ihre Beschwerden vorgetragen haben und möglichst auch – soweit Sie darüber verfügen – Röntgenaufnahmen und frühere Krankenberichte zur Einsicht vorliegen, werde ich in einem persönlichen Gespräch mit Ihnen die Befunde erörtern und die nuklearmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten besprechen.

Durchführung der Radiosynoviorthese

Das für Sie benötigte Präparat in der individuell bestimmten Dosis wird speziell für Sie hergestellt und in der Regel donnerstags geliefert. Das bedeutet und von Ausnahmen abgesehen:

Die Radiosynoviorthese kann generell nur donnerstags oder freitags erfolgen (hierbei ist unbedingt zu beachten, dass Sie ihren Termin einhalten, da sonst unnötige Kosten entstehen und ihre Substanzen nicht weiter verwendet werden können).

Die Haut über dem Gelenk wird desinfiziert. Dann wird unter sterilen Bedingungen mit einer dünnen Nadel eine Lokalanästhesie (örtliche Betäubung) und gleichzeitig eine Punktion des Gelenks vorgenommen, meist unter Durchleuchtung, oft mit Kontrastmitteldarstellung des Gelenks. Ist ein Erguss vorhanden, wird er zum größten Teil abpunktiert. Die für Sie vorbereitete radioaktive Substanz wird ins Gelenk injiziert, die Nadel herausgezogen und die Punktionsstelle noch etwas abgedrückt. Damit ist die Therapie durchgeführt.

Wichtig: Nach der Radiosynoviorthese müssen behandelte Gelenke für 48 Stunden unbedingt ruhig gestellt werden! Nach Behandlung von Gelenken im Bereich der Beine ist nur der Toilettengang erlaubt.

Entweder Sie bringen eine Gipsschale (von Ihrem Orthopäden) mit, oder Sie bekommen von uns eine Schiene angepasst, die nach der Behandlung angewickelt wird. Werden Knie-, Sprung- oder Zehengelenke behandelt, werden Sie anschließend mit dem Rollstuhl zum Auto oder zum Taxi gebracht. Nach einer Radiosynoviorthese sollten Sie nicht selbst das Auto steuern, da sonst die erforderliche Ruhigstellung nicht gewährleistet ist. Eine weitere Woche sollte das Gelenk noch etwas geschont werden.

Gibt es mögliche Nachteile der Radiosynoviorthese?

Wichtig ist, dass die radioaktive Substanz absolut sicher in die Gelenkhöhle injiziert wird, damit gesundes Gewebe nicht zerstört wird. Daher wird unmittelbar vor der Injektion der radioaktiven Substanz (mit wenigen Ausnahmen) eine Durchleuchtung mit Kontrastmittel durchgeführt:

  • zur Beurteilung der korrekten Position der Nadel im Gelenk
  • zur Beurteilung der Beschaffenheit und Ausdehnung der Gelenkhöhle

Jede Wirkung kann prinzipiell mit Nebenwirkungen verbunden sein. In wenigen Prozent der Fälle kann es in den ersten Tagen zu einer sog. Strahlensynovialitis kommen, die sich in einem Reizerguss äußern kann. Dann ist z.B. das Kniegelenk etwas geschwollen (mitunter sogar mehr als vorher) und manchmal überwärmt. Es kann sich ein Kribbeln oder Stechen im Gelenk einstellen. Mit kalten Umschlägen oder einer Eismanschette ist diese vorübergehende Erscheinung immer zu lindern. Auch die absolute Ruhigstellung des behandelten Gelenkes hilft, den Reizerguss zu vermeiden. Nebenwirkungen, wie sie sowieso selten nach Gelenkpunktionen generell vorkommen können, sind im Zusammenhang mit einer Radiosynoviorthese geradezu eine Seltenheit.

Wie ist die Strahlenbelastung?

Die Strahlenbelastung beschränkt sich nahezu ausschließlich auf die kranke Gelenkschleimhaut, die erklärtermaßen Zielobjekt ist. Aus einer schmerzhaft entzündeten verdickten Schleimhaut soll eine eher schwartenartige, unempfindlichere Schleimhaut werden.

Das angrenzende Gewebe wird nicht geschädigt. Wegen der sehr kurzen Reichweite der Strahlung und der Tatsache, dass die Substanzen in der Gelenkhöhle verbleiben und nicht über das Blut abtransportiert oder im Urin ausgeschieden werden, werden gelenkferne Körpergegenden nicht betroffen, die Therapie kann ambulant durchgeführt werden, Strahlenschutzmaßnahmen für den Patienten oder seine Umgebung sind im Regelfall nicht erforderlich.

Sollten Sie weitere Fragen haben, so besteht jederzeit die Möglichkeit diese mit uns zu klären!