Essstörungen

Eine Initiative der Abteilung Psychosomatik-Schmerzmedizin der Inneren Medizin 2 des Klinikums Mutterhaus (Dr. Werner Schaan) und der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters (Dr. Karoline Weiland-Heil)

 

Anorexia nervosa

Psychischen Störungen werden weltweit anhand zweier Klassifikationssysteme eingeteilt, das ICD-10 und das DSM-V. Die folgenden Beschreibung der drei Essstörungen orientieren sich hieran.

Die Anorexia nervosa (Magersucht) ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Betroffen streben unermüdlich danach, ihr Gewicht zu reduzieren und vermeintlich zu kontrollieren. Dies geht mit einer zwanghaften Beschäftigung mit Nahrung und dem eigenen Körper sowie dem Streben nach Perfektion einher. Am häufigsten ist die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen zu beobachten; heranwachsende Jungen oder junge Männer sind wesentlich weniger betroffen.

Die Anorexia nervosa stellt ein eigenständiges Störungsbild dar, das im Wesentlichen durch folgende Symptome gekennzeichnet ist:

  • Gewichtsverlust oder bei Kindern fehlende Gewichtszunahme bis zu einem Körpergewicht von mindestens 15% unter dem normalen oder dem für das Alter und die Körpergröße zu erwartenden Gewicht. Als Berechnungsmaßstab dient hierzu ab dem 16. Lebensjahr der sog. BMI (Body Maß Index = Gewicht in kg geteilt durch die Körpergröße (m) ²); ab einem Wert von 19 spricht man von Untergewicht, ab 17,5 besteht der V.a. eine Essstörung.
  • Für Kinder und Jugendliche gelten altersabhängige Grenzwerte für das unterdurchschnittliche Gewicht und den BMI.
  • Der Gewichtsverlust ist selbst herbei geführt durch Vermeidung von „dickmachenden“ Speisen bzw. Nahrung mit einem hohen Kalorien-/Fettanteil.
  • Betroffene legen für sich selbst eine sehr niedrige Gewichtsschwelle fest und nehmen ihren Körper in Bezug auf Umfang, Größe und Form verzerrt wahr. Ihre Selbstwahrnehmung „Ich bin zu dick“ ist eng verbunden mit der Angst, nichts wert zu sein.
  • Das Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen (Amenorrhoe) bei Frauen; bei Männern Interessensverlust an Sexualität und Potenzverlust.

Man unterscheidet verschiedene Formen der Anorexia nervosa:

  • Restriktiver Typus: Die Gewichtsregulation erfolgt durch Fasten und/oder übertriebene körperliche Aktivität.
  • Bulimischer Typus: Aktive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (z. B. selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, Appetitzüglern, Entwässerungstabletten); unter Umständen in Verbindung mit Heißhungerattacken.
  • Atypische Form der Anorexie:  Nicht alle Symptome einer Anorexia nervosa liegen vor.

Nach dem Ausbruch der Anorexia nervosa können sich eine Reihe von körperlichen und psychischen Folgen entwickeln, die im Folgenden aufgeführt werden.

Mögliche körperliche Folgen:

Die Schäden für den Körper sind groß, da sich das Untergewicht kurz-, mittel- und langfristig auf den gesamten Hormonhaushalt und Stoffwechsel auswirkt und das Gleichgewicht lebenswichtiger Funktionen gestört wird. Einige werden hier aufgelistet:

  • Schwindel
  • Niedriger Blutdruck
  • Langsame Herzfrequenz (Bradykardie)
  • Herzrhythmusstörungen, plötzlicher Herztod
  • Niedrige Körpertemperatur
  • Bauchschmerzen
  • Verstopfung
  • Kalte Hände
  • Trockene Haut
  • Haarausfall
  • Lanugobehaarung (Wachsen ganz feiner Haare am Körper)
  • Verformung der Nägel
  • Blutarmut (Anämie)
  • Elektrolytstörungen
  • Nierenfunktionsstörungen
  • Wassereinlagerung im Gewebe
  • Hormonstörungen
  • Knochenstoffwechselstörungen (Osteoporose)
  • Nervenschädigungen
  • Hirnschwund
  • Mortalität (ca. 10%)
  • Wachstumsstörungen
  • Infertilität

Mögliche psychische Folgen:

  • Depressive Verstimmtheit
  • Konzentrationsstörungen
  • Interessenverlust
  • Verarmung der Gefühlswahrnehmung
  • sozialer Rückzug
  • sehr hoher Leistungsanspruch an sich selbst (liegt meist schon vorher vor)
  • Aggressivität
  • zwanghaftes Verhalten
  • sehr niedriges Selbstwertgefühl und Angst zu versagen (liegt meist schon vorher vor)
  • Angst vor Veränderungen und Neuem