Essstörungen

Eine Initiative der Abteilung Psychosomatik-Schmerzmedizin der Inneren Medizin 2 des Klinikums Mutterhaus (Dr. Werner Schaan) und der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters (Dr. Karoline Weiland-Heil)

 

Bulimia nervosa

Die Bulimia nervosa (Ess-Brecht-Sucht) ist durch wiederholte Anfälle von Heißhunger (Essattacken) und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert. Dem Ausbruch des Störungsbildes geht meist eine längere Diätphase oder eine Anorexia nervosa voraus. Der lange und intensive Mangel an Nahrung kann in Heißhunger umschlagen, so dass die Betroffenen in kurzer Zeit sehr viel Nahrung aufnehmen. Die Essattacken lösen jedoch panische Angst vor Gewichtszunahme aus, sodass mit unterschiedlichen Maßnahmen versucht wird, dem entgegen zu wirken (s.u.):

Die Bulimia nervosa stellt ein eigenständiges Störungsbild dar, das nach ICD-10 und DSM-IV (s.o.) im Wesentlichen durch folgende Symptome gekennzeichnet ist:

Wiederholte Episoden von Essanfällen, d.h.:

  • Essen einer Nahrungsmenge in einem abgrenzbaren Zeitraum (z. B. in einem zweistündigen Zeitraum), die definitiv viel größer ist, als die meisten Menschen in einem ähnlichen Zeitraum unter ähnlichen Umständen essen würden.
  • Ein Gefühl des Kontrollverlustes über das Essen während der Episode (z. B. ein Gefühl, dass man mit dem Essen nicht aufhören kann bzw. nicht kontrollieren kann, was und wie viel man isst).
  • Nach dem Essanfall wird versucht, die übergroße Nahrungsmenge mit verschiedenen Mitteln zu kompensieren: selbst induziertes Erbrechen, zeitweilige Hungerperioden, Gebrauch von Abführmitteln, Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika (sog. Wasser ausschwemmende Mittel). 

Die Episoden von Essanfällen treten gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptome auf:

  • wesentlich schneller Essen als normal,
  • Essen, bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
  • Essen großer Nahrungsmengen, wenn man sich körperlich nicht hungrig fühlt,
  • alleine Essen aus Scham über die große Menge,
  • Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Schuldgefühle sowie Scham nach dem übermäßigen Essen.

Es besteht deutliches Leiden wegen der Essanfälle. Die Essattacken treten im Durchschnitt an mindestens zwei Tagen in der Woche für 6 Monate auf.

Bei einem Teil der Betroffenen können zusätzlich weitere Störungen der Impulskontrolle vorliegen, wie z. B.:

  • Ladendiebstähle (in der Mehrzahl Nahrungsmittel)
  • Alkohol-, Tabletten-, Drogenmissbrauch
  • Unkontrolliertes Geldausgeben
  • Selbstverletzendes Verhalten

Auch bei der Bulimia nervosa werden verschiedene Untertypen unterschieden:

  • Non-Purging-Typus (to purge = engl. abführen): Kompensation des Essens durch Fasten oder exzessive körperliche Betätigung
  • Purging-Typus:  selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln, Appetitzüglern, Entwässerungstabletten
  • Atypische Form der Bulimie: Nicht alle Symptome einer Bulimia nervosa sind erfüllt

Es finden sich häufig auch Mischformen von Anorexie nervosa und Bulimie nervosa; der Übergang kann fließend sein.

Auch die Bulimia nervosa kann kurz-, mittel- und langfristig zu einer Reihe von körperlichen und psychischen Folgen führen.

Mögliche körperliche Folgen:

  • Verletzungen in Mund- und Rachenraum
  • Verätzung der Speiseröhre
  • Schäden an den Zähnen
  • Erweiterung und Erschlaffen des Magens
  • Magenfunktionsstörungen
  • gestörtes Hunger- und Sättigungsgefühl
  • entzündete Finger
  • ggfs. Menstruationsstörungen
  • in Extremfällen Ruptur („Zerreißen“) der Magen- oder Speiseröhrenwand

Mögliche psychische Folgen:

  • Depressive Verstimmtheit
  • sozialer Rückzug
  • sehr hoher Leistungsanspruch an sich selbst
  • Aggressivität
  • Ängste und Zwänge