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Videospiele bei Kindern und Jugendlichen – Suchtgefahr oder harmloser Zeitvertreib?

Jörg Hoffmann ist Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus

Fast alle Kinder und Jugendlichen spielen heutzutage Videospiele, viele sogar täglich. Sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen ist das Spielen von Games zur beliebten Freizeitaktivität geworden. Immer mehr Kinder spielen, und die Spiele werden immer komplexer und üben dadurch auch ein höheres Suchtpotenzial aus. Darauf hat die WHO reagiert: Seit Juni 2018 listet sie die sogenannte „Gaming Disorder“, also das krankhafte Spielen von Videospielen, als eigenständige Krankheit auf. Häufig fragen sich besorgte Eltern: Was unterscheidet krankhaftes Spielen von „normalem“ Spielen?

„Ausschlaggebend ist, ob ich die Konsole oder den Computer auch mal abstellen kann, wenn es drauf ankommt“, meint Jörg Hoffmann, leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen. „Also, wenn das Spielen zu jedem Zeitpunkt in meinem Leben absolute Priorität hat, ist das Spielen krankhaft. Dann bin ich spielsüchtig.“ Anders, als es sich viele Eltern vielleicht denken, kommt es nicht alleine darauf an, ob das Kind viel spielt oder nicht. Es kommt viel mehr darauf an, ob das Kind gedanklich von dem Spiel so vereinnahmt ist, dass die wichtigen Aspekte des Lebens stark vernachlässigt werden – also Schule und Karriere, soziale Beziehungen oder frühere Hobbys.

 „Wenn von meinem Kind solche Warnsignale ausgehen, muss ich mich als Elternteil auch fragen, was dahinter steckt“, so der Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine Sucht kann zum Beispiel als Folge einer anderen psychischen Krankheit auftreten, wie zum Beispiel einer Depression. „Das Spielen ist dabei für das Kind nur eine naheliegende Bewältigungsstrategie“, erklärt der Experte und empfiehlt im Zweifel oder Verdacht, sich Hilfe bei Suchtberatungsstellen (z.B. „Die Tür“ in Trier) bzw. Erziehungsberatungsstellen (z.B. die Erziehungsberatung der Lebensberatung in Trier) zu nehmen oder auch bei schwerwiegenden Einschränkungen im Alltag eine  ärztliche, bzw. psychotherapeutische Abklärung anzustreben.

 

„Beim Älterwerden geht es darum, den Kindern gewisse Kompetenzen zuzutrauen.“

Wie kann man also das Spielverhalten des eigenen Kindes in den Griff bekommen? Ein Umgang nach dem Prinzip Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser sieht der Oberarzt kritisch. „Wenn die Kinder im frühen Alter mit dem Spielen anfangen, ist eine Begleitung auf jeden Fall sinnvoll. Aber beim Älterwerden geht es darum, den Kindern gewisse Kompetenzen zuzutrauen.“ Die entscheidende Kompetenz ist hierbei, dass ein Kind irgendwann selber darüber Urteile fällen kann, welches Maß für es selbst das Beste ist – und dabei geht es nicht nur um Videospiele.

Es ist wichtig, Interesse an den Aktivitäten des Kindes zu zeigen, allerdings sollte man sich nicht wundern, wenn vorgegebene Regeln der Eltern oder Empfehlungen der USK (also die Altersfreigabe der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle)  ab einem gewissen Alter umgangen werden. Jugendlichen wird es nicht schwer fallen, über Umwege an Material ranzukommen, das sie sich unbedingt beschaffen wollen. „Jugendliches Risikoverhalten – das Austesten der eigenen Grenzen – ist normal und gehört zum Älterwerden dazu. Jugendliche müssen selbst lernen, mit den Konsequenzen ihres Handelns umzugehen“, betont Jörg Hoffmann. „In den allermeisten Fällen funktioniert das!“ In dieser Hinsicht verhält sich das Videospielen nicht anders als andere potenzielle Süchtigmacher, wie Fernsehen oder Alkoholkonsum. Selbstkontrolle ist hier das Stichwort. Jugendliche ab dem 17. Lebensalter verlagern ihre Prioritäten anders als Jugendliche in der Pubertät, was man an einer statistischen Abnahme der Spielzeiten erkennen kann.

 

Welche Inhalte sind für Kinder geeignet?

Tückisch sind Spiele, die durch ihre Spielmechaniken zum Suchtverhalten verleiten, wie online-Games, in denen mehrere Spieler in Teams mit- oder gegeneinander spielen und deswegen einer plötzlichen selbstbestimmten Unterbrechung des Spiels der soziale Druck der Gruppe entgegen steht. Aufpassen muss man auch vor sogenannten „Freemium-Games“. Diese Spiele sind zwar zunächst gratis, versprechen aber durch Mikrotransaktionen gegen zunächst geringe Geldbeträge Vorteile für den Spieler, z.B. bessere Ausrüstung für den Spielecharakter oder schnellere Levelanstiege. „Da kommt es dann auf das eigene Selbstbewusstsein an und auf die Fähigkeit, rote Linien zu ziehen und auch mal ‚nein‘ zu sagen“, so Hoffmann. „Wenn das Kind das nicht mehr kann, quasi nicht mehr eigener Herr über das Spielverhalten ist, muss man dieses Warnzeichen ernst nehmen.“

Jedes Kind entwickelt sich anders, auch bezüglich des Umgangs mit psychisch herausforderndem Material. Nach Jörg Hoffmann sind die Einschränkungen der USK eine hilfreiche Orientierung, als bestes Mittel zur Einschätzung bestimmter Spieleinhalte empfiehlt er allerdings, sich selbst unvoreingenommen mit dem Medium auseinanderzusetzen und zu recherchieren. „Wenn ich das Spielverhalten meines Kindes bewerten will, muss ich erstmal wissen: Was spielt mein Kind da eigentlich?“, empfiehlt der Experte. Bei jungen Kindern ist es zudem hilfreich, sich seiner Vorbildfunktion bewusst zu werden und den eigenen Medienkonsum kritisch zu hinterfragen. „Natürlich fragt sich das Kind, warum für die Eltern andere Regeln gelten, wenn diese ständig vor dem Smartphone, dem Tablet oder dem Fernseher hängen.“