Ein vertrautes Gesicht übernimmt das Steuer: Nach langjähriger Tätigkeit als Oberarzt und kommissarischer Leiter tritt Dr. med. Frank Herrmann nun die Nachfolge als Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Mutterhaus an. Bei einem feierlichen Fachvortrag in St. Clara am vergangenen Donnerstag wurde diese verantwortungsvolle Position offiziell seitens des langjährigen Chefarztes Jörg Hoffmann an ihn übergeben.
Im Interview spricht er über seine tiefe Verwurzelung im Haus, warum sein Weg vom Kinderarzt hin zur KJP ein echter Glücksfall war und wie er durch ein Miteinander auf Augenhöhe die Resilienz und Lebensfreude junger Menschen nachhaltig stärken möchte.
Sie waren nun eine Zeit lang kommissarischer Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Mutterhaus. Wie war diese Zeit für Sie und was hat Sie bewegt, nun den Schritt zum offiziellen Chefarzt zu gehen?
Dr. Frank Herrmann: Insgesamt würde ich sagen, es war kein ganz so großer Sprung ins kalte Wasser, weil ich schon immer die geschlossene Abteilung geleitet habe. Dort werden etwa 80 Prozent der Patienten aufgenommen, bevor sie auf die anderen Stationen verteilt werden. Die Themen der Patienten waren mir also vertraut. Was sich merklich verändert hat: Ich habe nun auf jeder Station eine Chefarzt-Visite und bin für alle Patientinnen und Patienten verantwortlich. Ich gehe erst nach Hause, wenn alles erledigt ist, und das wird dann manchmal spät. Aber ich habe mir das so ähnlich vorgestellt. Nach einem längeren Bewerbungsprozess war es im August schließlich offiziell.
Gab es in Ihrer Laufbahn einen Moment, der Sie besonders geprägt hat?
Dr. Herrmann: Ich bin schon sehr lange am Haus, habe hier als Assistenzarzt in der Kinderabteilung angefangen. Eigentlich wollte ich klassischer Kinderarzt werden, aber damals gab es kaum Stellen. Ich habe dann eine Jahresvertretung in der KJP bekommen – ursprünglich, um mir dieses Jahr für den Facharzt in der Pädiatrie anrechnen zu lassen. Doch dann bin ich geblieben.
In der Kinderabteilung gab es Momente, die mich sehr belastet haben, besonders, wenn klar war, dass Kinder an ihrer Tumorerkrankung sterben werden. Das war schwierig. Hier in der KJP haben wir zwar auch extrem schwierige Fälle, aber es hat mich persönlich nicht so belastet wie die Arbeit in der Pädiatrie. Es ist wichtig, ein Leben neben der Arbeit zu haben. Wenn man keinen Rückhalt hat und alleine ist, kann es schwierig sein, da man dann mehr mit nach Hause nimmt. Ich hatte zum Glück von Anfang an meine Familie als Abschaltmoment.
Sie sind Teil eines Teams, in dem der Teamplayer-Gedanke hochgehalten wird. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Dr. Herrmann: Ich weiß nicht, ob es viele Abteilungen gibt, in denen alle Mitarbeiter ihren Chef mit Vornamen ansprechen – bei uns ist das so. Ich bin für alle einfach „der Frank“. Mir ist wichtig, dass diese starre Hierarchie nicht da ist. Ich versuche, auf Augenhöhe zu leiten. Jeder soll sagen können, was er denkt. Wertschätzung ist dabei das A und O, auch wenn das im stressigen Alltag manchmal unterzugehen droht. Da ich schon so lange hier arbeite, ist das Team für mich fast wie ein Freundeskreis. Wir kommen menschlich sehr gut miteinander klar.
Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in der Versorgung und wie möchten Sie ihnen begegnen?
Dr. Herrmann: Was deutlich zugenommen hat, sind Probleme bei sehr jungen Kindern. Wir haben viele Erstklässler, bei denen der Wechsel vom Kindergarten in die Schule scheitert. Durch das neue Schulgesetz gehen fast alle Kinder zuerst auf Regelschulen, doch viele sind dort schlicht nicht beschulbar. Zudem stellen wir fest, dass der familiäre Zusammenhalt schwindet. Bei gefühlt 80 Prozent unserer Patienten sind die Eltern geschieden oder leben in schwierigen Verhältnissen. Der psychosoziale Hintergrund wird immer komplexer.
Wir sehen das auch bei den Krankheitsbildern: Die Magersucht bei elf- oder zwölfjährigen Mädchen nimmt zu, ebenso wie selbstverletzendes Verhalten. Früher hatten wir auf der Jugendstation oft aggressive Jungs, heute sind es eher Mädchen, die sich etwas antun möchten. Ein großes Problem ist, wie psychische Krankheiten in den sozialen Medien teilweise dargestellt werden. Jugendliche verbreiten dort Bilder von Verletzungen oder suizidale Gedanken, was andere massiv triggert und anleitet, dies auch zu tun.
Was benötigen Kinder und Jugendliche heute besonders, um psychisch gesund aufzuwachsen?
Dr. Herrmann: Zeit und eine stabile Beziehung zu Hause. Das ist heute oft nicht gegeben. Oft ist das gar nicht die Schuld der Eltern – sie müssen beide arbeiten, um finanziell durchzukommen. Aber man sieht die Folgen, wenn Kinder nur noch „nebenher“ laufen. Eine gesunde Beziehung ist nach wie vor das Wichtigste, um gesund zu bleiben. Natürlich spielen auch Medien eine Rolle, gerade wenn schon Kleinkinder damit konfrontiert werden, aber der Kern bleibt die Bindung.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die nächsten Jahre und welche Visionen haben Sie für die KJP?
Dr. Herrmann: Ich möchte die gute Arbeit meines Vorgängers Jörg Hoffmann weiterführen. Ein wichtiges Signal für die Zukunft ist dabei, dass meine Stellvertreterin eine Psychologin ist. Wir wollen den Stellenwert der Psychotherapie gegenüber dem rein Medizinischen weiter stärken. Ein Projekt wäre zudem, die Brüche in der Behandlung zu vermeiden: Mein Ziel ist, dass Assistenten ihre Patienten von der Station später auch in der Ambulanz weiterbetreuen können, damit die therapeutische Beziehung nicht abreißt. Das ist organisatorisch bei der hohen Arbeitslast auf der Station schwierig, aber es wäre ein riesiger Gewinn für die Patienten.
Was gibt Ihnen Kraft im anspruchsvollen Berufsalltag?
Dr. Herrmann: Der Sport ist mein Ausgleich. Ich spiele Fußball – wir haben sogar eine Mutterhaus-Mannschaft in Konz-Könen mit vielen KJP-Kollegen –, ich gehe Tauchen, Kitesurfen und Skifahren. Zudem bin ich in der Gemeindeleitung der Stadtmission hier in Trier, der christliche Glaube ist mein persönlicher Rückhalt. Und da meine beiden Jungs mittlerweile von zuhause ausgezogen sind, bleibt auch wieder etwas mehr Zeit für all diese Dinge als Ausgleich im Alltag.