Anlässlich seiner gut dreijährigen Tätigkeit am Klinikum Mutterhaus haben wir Professor Heinrich, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie, zum Flurgespräch gebeten. In dieser Funktion ist er seit dem 11. September 2023 in Trier tätig – nach vorherigen Stationen unter anderem in Frankfurt am Main, Zürich (Schweiz) und Mainz.
In Zürich hat Prof. Heinrich zunächst seine Facharztausbildung erhalten und danach ein international renommiertes Trainingsprogramm auf dem Gebiet der Leber-, Gallengangs- und Bauchspeicheldrüsenchirurgie durchlaufen. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland hat er zwölf Jahre an der Universitätsmedizin Mainz als (leitender-) Oberarzt auf dem Gebiet gearbeitet. Dort hat er zum Thema “Moderne chirurgisch-onkologisch Therapiekonzepte des hepato-pankreatikobiliären Systems“ habilitiert und bekam im Anschluss die Professur zugesprochen.
Ein kurzes Update zwischen Kaffeemaschine und Stationszimmer bringt oft mehr Klarheit als eine lange E-Mail. Genau diesen direkten, kollegialen Austausch pflegen wir in unserer Interview-Reihe „Flurgespräch“.
Frage: Herr Prof. Dr. med. Heinrich, das Nachrichtenmagazin Stern führt das Klinikum Mutterhaus in seiner Liste „Deutschlands ausgezeichnete Krankenhäuser 2026/27“. Als Spitzenmediziner können Sie sicher verraten, warum das Klinikum Mutterhaus so gut abschneidet.
CA Heinrich: Am Klinikum Mutterhaus wurden grundsätzliche Entscheidungen zur Verbesserung der Patientenversorgung getroffen, die dem internationalen Trend der Spezialisierung Rechnung tragen. In diesem Zuge wurden zum Beispiel Top-Mediziner rekrutiert, die entsprechende Spezialisierungen in ihrer Weiterbildung erfahren haben. Entsprechend können hochspezialisierte Behandlungen auf qualitativ höchstem Niveau angeboten werden.
Bei aller Spezialisierung bleibt das Klinikum Mutterhaus ein christlich geprägtes Haus und für uns steht der einzelne Patient im Zentrum unseres Handelns. Ich bin davon überzeugt, dass diese Mischung zu unserer hervorragenden Behandlungsqualität führt, die ja offenbar dem Stern aufgefallen ist.
Frage: Trier liegt nicht im Zentrum Deutschlands, sondern eher am Rand. Wieso nehmen manche Patientinnen und Patienten dennoch weite Wege auf sich, um sich hier behandeln zu lassen?
CA Heinrich: Primär nehmen wir unsere Verantwortung als regionaler Maximalversorger wahr. Das bedeutet, dass wir den Patienten aus dem Großraum Trier eine umfängliche chirurgische Versorgung bieten. Zudem bietet das Klinikum Mutterhaus eine hochspezialisierte onkologische Versorgung an, sodass Betroffene ein breites Spektrum hochspezialisierter Diagnose- und Behandlungsangebote finden. Dieses Spektrum wird nur an wenigen Standorten im weiteren Umfeld angeboten.
Insbesondere bei seltenen und bei Tumorerkrankungen informieren sich Betroffene oftmals auch überregional intensiv über bestmögliche Behandlungsangebote. Zudem versuchen wir, unseren Patientinnen und Patienten durch persönlichen Einsatz und das christliche Leitbild des Hauses entgegenzutreten. Ich bin mir sicher, dass diese Kombination auch viele überregionale Patienten anzieht.
Frage: Im Onkologischen Zentrum des Klinikums arbeiten zahlreiche Fachrichtungen eng zusammen. Dieser interdisziplinäre Ansatz ist aufwendig und kostenintensiv. Warum lohnt er sich für die Patienten?
CA Heinrich: Das Klinikum Mutterhaus investiert sehr viel in standardisierte und interdisziplinäre Behandlungskonzepte, weil uns Qualität sehr wichtig ist. Dies spiegelt sich in den Zertifizierungen der Deutschen Krebsgesellschaft – kurz: DKG – wider. Das onkologische Zentrum als Dachstruktur umfasst dabei hochspezialisierte Behandlungszentren für Leukämie-/Lymphome, Hals-Nasen-Ohren-Tumore, gynäkologische Krebserkrankungen und Brustkrebs sowie das Viszeralonkologische Zentrum mit den Organzentren für Bauchspeicheldrüsen-, Speiseröhren- und Darmkrebs. Kürzlich wurde zudem der Schwerpunkt “Endokrine Malignome“ aufgrund der sehr guten Zusammenarbeit von Viszeralchirurgie und HNO-Klinik ebenfalls zertifiziert.
Diese Zertifizierungen benötigen einen hohen personellen Aufwand, der sich aber in der Behandlungsqualität der Patienten widerspiegelt: Eine gemeinsame Studie von AOK und DKG hatte vor wenigen Jahren gezeigt, dass die Versorgung in einem DKG-zertifizierten Zentrum die Behandlungsergebnisse deutlich verbessert, was im Einzelfall auch zu einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit führt.
Frage: Die Diagnose „Krebs“ verändert das Leben von einem Tag auf den anderen. Wie wird aus einer solchen Diagnose im Klinikum ein individueller Behandlungs- und Therapieplan?
CA Heinrich: Für viele Krebserkrankungen existieren hoch standardisierte Behandlungswege. Nachdem die individuellen Befunde eines Betroffenen erhoben worden sind, werden diese in einem Tumor-Board diskutiert, in dem Experten aller beteiligten Fachrichtungen zusammen-sitzen, um die für den Betroffenen beste Therapie festzulegen. Immer wieder müssen bei komplexen Fällen im Tumor-Board auf den Patienten individuell zugeschnittene Konzepte entwickelt werden. Hierzu sind ein Höchstmaß an persönlicher Erfahrung und die Kenntnis der aktuellsten Datenlage der behandelnden Ärztinnen und Ärzte Voraussetzung.
Am Klinikum Mutterhaus nehmen wir uns danach viel Zeit für die individuelle Beratung der Betroffenen und ihrer Familienangehörigen. Da die Bedürfnisse der einzelnen Patientin/des einzelnen Patienten oft unterschiedlich sind, spiegelt sich die Individualität der Behandlung häufig vor allem im Umgang mit den Betroffenen und dem Angebot möglicher Hilfeleistungen wider. Hier können unterstützende Gespräche mit Psychoonkologen, Pflegeexperten oder Seelsorge äußerst hilfreich sein.
Frage: Viele Menschen verbinden Krebsbehandlung mit Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung. Sie sind Leiter des Viszeralonkologischen Zentrums – welche medizinischen Fortschritte der vergangenen Jahre haben die Therapie besonders verändert?
CA Heinrich: Die Entwicklungen insbesondere im Bereich der viszeralonkologischen Tumor-erkrankungen sind in den vergangenen Jahren rasant. Hierzu zählen Tumorerkrankungen des gesamten Magen-/Darmtraktes, der Leber und der Bauchspeicheldrüse. Aus chirurgischer Sicht spielen die minimal-invasive Chirurgie und hier die Robotik eine dominante Rolle. Wir sind sehr froh, dass die minimalinvasive (Schlüsselloch-)Chirurgie am Klinikum Mutterhaus eine lange Tradition hat und der Mehrzahl unseren Patientinnen und Patienten angeboten werden kann. Die Einführung der roboter-assistierten Chirurgie als Weiterentwicklung der Schlüsselloch-Chirurgie mit meinem Wechsel ans Klinikum hat nochmals deutliche Verbesserungen für unsere Patienten ergeben. Speziell bei komplexen Speiseröhren-, Bauchspeicheldrüsen- und Enddarmoperationen zeigen sich die Vorteile dieser Innovation.
Wir haben allerdings auch gelernt, dass die Chirurgie alleine häufig nicht das beste Behandlungsergebnis erzielt. Bei den meisten viszeralonkologischen Tumorerkrankungen werden heutzutage Kombinationsbehandlungen aus Operation und Chemotherapie oder Bestrahlung und Chemotherapie empfohlen. Häufig wird die Operation heutzutage an zweiter Stelle vorgenommen. Durch derartige Vorbehandlungen kann mitunter eine weniger invasive Operation mit dem Ziel des Organerhalts angeboten werden.
Beeindruckend sind die Ergebnisse der Immuntherapie: Bei vielen Patienten verbessert sie die Wirksamkeit einer Chemotherapie, sodass durch deren Einsatz die Ergebnisse nochmals verbessert werden können. In einigen Situationen kann diese bereits alleine zu einer Heilung führen. Durch diese rasanten Veränderungen ist in den vergangenen Jahren die Behandlung insbesondere viszeralonkologischer Tumorerkrankungen deutlich besser, jedoch auch komplexer geworden. Aus diesem Grund ist wiederum eine Diskussion mit den Experten aller beteiligten Abteilungen im Rahmen eines Tumor-Boards essenziell.
Frage: Krebs gilt als eine der großen Volkskrankheiten. Wie viel Einfluss haben Lebensstil und Vorsorge tatsächlich – und wo stößt auch die beste Prävention an ihre Grenzen?
CA Heinrich: Es gilt als erwiesen, dass Übergewicht, Nikotin- und übermäßiger Alkoholkonsum das Risiko für die Entstehung vieler Tumorerkrankungen steigern. Die Vermeidung dieser Risikofaktoren führt somit zu einer Reduktion von Tumorerkrankungen. Zusätzliche sportliche Aktivität senkt das Risiko der Entstehung von bösartigen Erkrankungen nachgewiesenermaßen zudem deutlich. Eine ganz aktuelle deutsche Studie weist darauf hin, dass spezielle Trainingsformen die Immunabwehr gegen Tumorerkrankungen besonders intensiv aktiviert.
Für einzelne Tumorerkrankung besteht tatsächlich eine Vorsorgemöglichkeit, da Krebsvorstufen erkannt und entfernt werden können. Als Paradebeispiel gilt der Darmkrebs, der durch rechtzeitige Vorsorgeuntersuchungen verhindert werden kann. Die Krankenkassen bezahlen diese Vorsorgeuntersuchung daher ab dem 50. Lebensjahr. Als beste Vorsorgeoption gilt hier die Darmspiegelung, die alle acht bis zehn Jahre vorgenommen werden sollte. Ähnliches ist für gynäkologische Tumorerkrankungen und das Prostatakarzinom ebenfalls belegt.
Bei anderen Tumorerkrankungen, wie dem Pankreaskarzinom, ist eine Krebsvorsorge bislang nicht etabliert, da Krebsvorstufen dieser Tumorart bisher nicht entdeckt werden können. Bei derartigen Tumorerkrankungen ist daher die Kombination aus einem gesunden Lebenswandel und sportlicher Aktivität umso wichtiger. Leider garantieren aber ein gesunder Lebenswandel, gesunde Ernährung und sportliche Aktivität keine Tumorfreiheit.
Frage: Medizin entwickelt sich rasant weiter, wie die Corona-Schutzimpfung während Ihrer Zeit in Mainz einer breiten Öffentlichkeit zeigte. Welche Innovation oder wissenschaftliche Entwicklung hat Sie in Ihrer Berufskarriere am meisten beeindruckt?
CA Heinrich: Natürlich sehen wir aktuell unglaubliche Entwicklungen in der Onkologie. Für mich ist aber die Transplantationschirurgie eine der wichtigsten Entwicklungen in der Medizin. Heutzutage werden Transplantationen überwiegend hochstandardisiert vorgenommen und retten jährlich tausende von Leben, wobei wir von der unglaublichen Pionierphase in den 1960/70er Jahren profitieren. Viele technische Verbesserungen in der Chirurgie von Tumorerkrankungen insbesondere von Leber und Bauchspeicheldrüse verdanken wir der modernen Transplantationschirurgie. Die Transplantationschirurgie hat knapp 20 Jahre meines Berufslebens geprägt – erst in der Betreuung Transplantierter und dann mehr als zehn Jahre als Transplantationschirurg.
Frage: Viele Menschen empfinden die Diagnose Krebs als Todesurteil. Ist dieses Bild inzwischen überholt, oder reden wir uns Fortschritte schöner, als sie tatsächlich sind?
CA Heinrich: „Krebs“ bedeutet zunächst einmal, einen bösartigen Tumor in sich zu tragen. Diese Bösartigkeit eines Tumors ergibt sich aus dessen Bestreben, lokal in Gewebsstrukturen einzuwachsen und Metastasen zu bilden. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine Metastasierung ist, hängt von vielen Faktoren ab. Die Diagnose „Krebs“ umfasst somit ein sehr breites Spektrum. Sicherlich gibt es bereits bei Diagnosestellung Befunde, die eine Heilung sehr unwahrscheinlich oder unmöglich erscheinen lassen. Demgegenüber gibt es viele Befunde, die durch die adäquate Behandlung als geheilt angesehen werden können.
Zwischen beiden Extremen liegt das breite Feld von Tumorstadien, in denen eine Heilung durch modernste Behandlungskonzepte möglich ist, jedoch nicht versprochen werden kann. Die Definition des exakten Tumorstadiums ist für die Abschätzung der Prognose sehr wichtig, eine individuelle Vorhersage des Verlaufes einer Tumorerkrankung ist jedoch häufig nicht möglich. Insofern finde ich, dass die Diagnose nicht „Krebs“ heißen sollte – und sicherlich auch nicht generell als Todesurteil angesehen werden sollte.
Frage: Und dennoch gibt es solche Empfindungen, zum Beispiel beim Thema Leberkrebs. Wie viel Raum nimmt diese Erkrankung am Klinikum ein?
CA Heinrich: Alkoholkonsum, aber auch Übergewicht können neben vielen anderen, selteneren Erkrankungen zu einer Leberzirrhose führen. Das Vorhandensein einer Leberzirrhose wiederum steigert das Risiko für die Entstehung von Leberkrebs. Insbesondere in Weinbauregionen haben daher deutlich mehr Patienten eine Leberzirrhose als außerhalb dieser Regionen. Deshalb haben wir am Klinikum Mutterhaus ein Behandlungszentrum für (Tumor-)Erkrankungen von Leber, Gallenwegen und Bauchspeicheldrüse gegründet, in dem wir uns unter anderem diesen Problemen widmen. In diesem bieten wir ambulante Vorsorgeuntersuchungen für Leberkrebs sowie das gesamte Behandlungsspektrum für Leberkrebs an.
Je nach Schwere der Leberzirrhose und Ausdehnung einer Leberkrebserkrankung kommen unterschiedlichste Behandlungsoptionen zum Einsatz. Neben einer Lebertransplantation zur Behandlung einer fortgeschrittenen Leberzirrhose und der Tumorerkrankung können Leberteilentfernungen, Tumorverödungen, Bestrahlung oder eine medikamentöse Therapie eingesetzt werden. Das Klinikum Mutterhaus bietet alle international empfohlenen Behandlungsoptionen an. Zudem arbeiten wir durch meine persönliche Verbindung auf dem Gebiet der Transplantationschirurgie eng mit der Unimedizin Mainz zusammen.
Frage: Wer Menschen mit schweren Diagnosen begleitet, erlebt täglich belastende Situationen. Gibt es einen Moment aus Ihrer Arbeit, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist und der Ihnen bis heute zeigt, warum Sie Arzt geworden sind?
CA Heinrich: In der Tat sind wir insbesondere durch die Behandlung von Patienten mit bösartigen Tumoren häufig mit persönlichen Schicksalen konfrontiert. Dies kann die Schwere der Tumorerkrankung sein, aber auch persönliche Umstände wie geringes Lebensalter und familiärer Hintergrund der Betroffenen können die Situation auch für die Behandler sehr schlimm erscheinen lassen. Selbstverständlich sind mir viele dieser Schicksale noch in Erinnerung. Für mich als Arzt ist es sehr wichtig, diese Situationen zu erfassen, aber nicht zu nahe an mich herankommen zu lassen. Für Betroffene ist es meines Erachtens sehr wichtig, ihnen und ihrem Umfeld eine ehrliche Perspektive aufzuzeigen. Dies halte ich für meine Hauptaufgabe als Arzt. Immer wenn dies gelingt, fühle ich mich in meiner Berufswahl bestätigt.
Frage: Zum Schluss eine persönliche Frage: Wenn Sie heute noch einmal vor der Entscheidung stünden – würden Sie wieder Medizin studieren?
CA Heinrich: Für mich ist der Beruf als Arzt und insbesondere als Chirurg eine echte Berufung. Den hohen zeitlichen Aufwand dieses Berufes habe ich nie als Belastung empfunden. Daher würde ich immer wieder den Beruf “Arzt“ und wahrscheinlich auch die Weiterentwicklung zum Chirurgen und hier zum hochspezialisierten Viszeralchirurgen ergreifen wollen. Allerdings überlasse ich meinen Kindern die Entscheidung ihrer zukünftigen Berufswahl und versuche nicht, sie von der Berufswahl „Arzt“ zu überzeugen.
Mit Chefarzt Stefan Heinrich sprach Matthias J. Berntsen.
Weitere Informationen unter:
https://www.mutterhaus.de/fachabteilungen/chirurgie-1-allgemein-viszeral-und-tumorchirurgie und https://www.mutterhaus.de/zentren/viszeralonkologisches-zentrum.