Ein kurzes Update zwischen Kaffeemaschine und Stationszimmer bringt oft mehr Klarheit als eine lange E-Mail. Genau diesen direkten, kollegialen Austausch pflegen wir in unserer Reihe „Flurgespräch“.
Anlässlich des bundesweiten Aktionstages gegen den Schmerz am 2. Juni haben wir uns dieses Mal mit Dr. med. Britta Fürderer unterhalten. Sie ist die Ärztliche Leitung der Schmerzmedizin am Standort Nord und Fachärztin für Anästhesiologie.
Ein Gespräch über den Mythos, Schmerz treffe nur ältere Menschen, den Wert von Zeit in der Medizin und warum Bewegung für uns alle der beste Rat ist.
Veranstaltungstipp: Am 2. Juni lädt das Team der Schmerzmedizin am Klinikum Mutterhaus zu einer Veranstaltung anlässlich des Aktionstags gegen den Schmerz ein. Von 16:30 bis ca. 18:30 Uhr werden hier Einblicke in Therapiemethoden und die Arbeit vor Ort gegeben. Veranstaltungsort ist die Schmerzambulanz am Standort Nord (Engelstr. 31 (Ärztehaus), 54292 Trier).
Frau Dr. Fürderer, wenn man an chronische Schmerzen denkt, haben viele sofort ältere oder schwer kranke Menschen im Kopf. Kommende Woche ist der bundesweite „Aktionstag gegen den Schmerz“. Wenn Sie auf die Schmerzambulanz blicken: Wer sitzt dort vor Ihnen? Warum betrifft das Thema uns alle?
Dr. Fürderer: Im Prinzip sehen wir die komplette Bandbreite vom Kind mit wiederkehrenden Kopfschmerzen bis zu geriatrischen Patientinnen und Patienten mit Arthrose. In unserer multimodalen Schmerztherapie spiegelt sich das in zwei großen Altersgruppen wider: einmal die Jüngeren, die noch mitten im Berufsleben stehen und wegen zunehmender Krankheitstage zu uns kommen, um wieder richtig in ihren Alltag zu finden. Und dann die Patientinnen und Patienten im Rentenalter und darüber hinaus, die stärker beeinträchtigt sind. Da geht es ganz konkret um Lebensqualität, weil sie weiterhin alleine zu Hause zurechtkommen möchten.
Sie haben gerade den Begriff der multimodalen Schmerztherapie genannt. Wenn Sie das einem fachfremden Kollegen in aller Kürze erklären müssten: Was genau ist das?
Dr. Fürderer: Zusammengefasst kann man sagen: Schmerz beeinflusst nicht nur unser Leben, sondern auch unser Leben beeinflusst den Schmerz. Das Erleben von chronischem Schmerz wird nicht nur von biologischen Faktoren, sondern auch immer von unserem psycho-sozialen Umfeld beeinflusst – also auch von der Psyche und sozialen Belangen. Deshalb kann man den Körper nicht alleine therapieren, sondern muss die Psyche mitbehandeln und ebenso soziale Faktoren beleuchten. Das ist heute der Goldstandard: Ein interdisziplinäres Team aus Psychologinnen, Physiotherapeutinnen und Ärztinnen begleitet bei uns die Patientinnen und Patienten gemeinsam.
Sie sind Fachärztin für Anästhesiologie. In diesem Bereich sorgen Medizinerinnen und Mediziner dafür, dass Patientinnen und Patienten während einer Operation gar nichts spüren und schlafen. Warum haben Sie sich entschieden, den OP gegen die Schmerzmedizin zu tauschen, bei welcher die Menschen sehr wach sind und der Redebedarf oft groß ist?
Das ist tatsächlich ein riesiger Gegensatz. Die Schmerztherapie ist aus der Anästhesie entstanden, weil wir uns von Haus aus bestens mit Schmerzmitteln auskennen – ein Patient soll in Narkose schließlich schmerzfrei sein.
Ich habe jahrelang den Akutschmerzdienst am Standort Mitte betreut, also die Patienten direkt nach einer Operation. Dort waren die Menschen natürlich wach. An dieser Schnittstelle begegnet man immer wieder Patientinnen und Patienten, bei denen eine Operation leider nicht zur Schmerzfreiheit geführt hat oder die chronische Schmerzen haben. Darüber bin ich Stück für Stück in diesen Bereich weitergegangen.
Die Schmerztherapie ist ein komplexes Feld, das viel Geduld erfordert. Was zeichnet das Team und die Struktur des Mutterhauses aus, sodass wir in der Region eine zentrale Anlaufstelle für Schmerzpatienten sind?
Dr. Fürderer: Emotional macht es für mich genau diese Interdisziplinarität aus. Man arbeitet nirgendwo sonst so eng in einem Team wirklich gleichberechtigt Hand in Hand zusammen – in der Anästhesie ist man eher Alleinarbeiter. Wir haben ein sehr engagiertes, junges Team. Das macht es wahnsinnig spannend, abwechslungsreich und kommunikativ. Das liegt mir als Rheinländerin natürlich sehr.
Was uns in der Region besonders macht: Es gibt generell in Deutschland nicht viele schmerztherapeutische Einrichtungen, und viele sind als Folge der Krankenhausreform bedroht. Wir wiederum haben das große Glück, durch die Anbindung an so ein großes Haus wie das Klinikum Mutterhaus nicht gefährdet zu sein.
Wir können auf alle anderen Fachdisziplinen zurückgreifen und bieten das komplette Spektrum an – sprich Tagesklinik, Ambulanz und die Möglichkeit zur vollstationären Behandlung. Das macht uns einzigartig und sorgt für ein enorm großes Einzugsgebiet, das weit über Trier und die Region hinausgeht.
Chronischer Schmerz lässt sich nicht alleine mit Tabletten behandeln. Wie wichtig sind im Haus der sprichwörtliche Flurfunk und die Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden aus der Psychologie, Physiotherapie und anderen Fachbereichen? Sind Sie in der Schmerzmedizin geborene Teamplayer?
Dr. Fürderer: Wir haben sehr flache Hierarchien. Die Kommunikation innerhalb des Teams ist die absolute Voraussetzung. Wir treffen uns wöchentlich zu einer großen, mehrstündigen Sitzung, in der alle Patienten besprochen werden. Dazu kommen täglich kleinere Gespräche.
Hier am Standort Nord haben wir zudem kurze Wege zu den anderen Fachdisziplinen. Gerade zur Psychosomatik und zur Geriatrie haben wir durch das Profil unserer Patienten sehr viele Schnittpunkte. Das läuft alles wunderbar schnell auf dem kurzen Dienstweg.
Schmerzempfinden ist etwas zutiefst Subjektives – man kann ihn nicht wie einen Knochenbruch im Röntgenbild sehen. Wie schaffen Sie es im Alltag, den Patientinnen und Patienten das Gefühl zu geben: „Ich sehe Ihren Schmerz und ich nehme Sie ernst“?
Dr. Fürderer: Das ist eine große Herausforderung. Die Patienten kommen oft mit der Erfahrung, über Jahre hinweg nicht ernst genommen worden zu sein. Es erfordert meist ein paar Tage der Vertrauensbildung. Das geht nur über viele Gespräche und darüber, dass der Patient merkt, dass wir uns untereinander intensiv über ihn austauschen. Erst wenn diese Vertrauensbildung steht, fühlen sich die Patienten oft das erste Mal seit Jahren wirklich gesehen, und es entsteht eine Chance auf therapeutische Veränderung.
Das Schöne ist: Wir brauchen bei den Patienten Zeit, aber wir haben sie hier tatsächlich auch. Für das Erstgespräch mit dem Arzt sind 60 Minuten vorgesehen. Das ist auch ein Grund, warum sich viele Kollegen in der Schmerztherapie so wohlfühlen: weil man wieder Zeit für den Menschen hat. Man braucht dafür viel Empathie und Geduld. Und manchmal braucht man das Team, um einen wieder aufzufangen, denn das permanente Zuhören kann unheimlich anstrengend sein. Umso wichtiger ist es, dass in den Sitzungen auch mal gelacht wird.
Machen wir es mal konkret: Viele Kollegen im Klinikum arbeiten körperlich hart oder sie sitzen stundenlang am Schreibtisch. Was ist Ihr wichtigster schmerzmedizinischer Rat für den ganz normalen Arbeitsalltag im Mutterhaus?
Dr. Fürderer: Bewegung, Bewegung, Bewegung! Bewegung ist Leben. Bei uns gibt es im Prinzip keine passiven Therapien wie Massagen, sondern es geht rein ums Aktivwerden. Es fällt uns Therapeuten manchmal selbst schwer, das umzusetzen, aber wir versuchen es: viel wechselnde Tätigkeit – im Alltag bewusst abwechseln zwischen Hinstellen, Hinsetzen und Gehen. Und natürlich Sport als Ausgleich. Immer in Bewegung bleiben…
Wenn man den ganzen Tag Schmerzgeschichten hört und Patienten intensiv begleitet, braucht man vielleicht ein gutes Ventil. Wie sorgen Sie am Wochenende dafür, dass die eigenen Akkus wieder aufgeladen werden?
Dr. Fürderer: Ich habe einen großen Garten, in dem ich mich in letzter Zeit sehr viel beschäftige. Ich hatte früher ein Pferd, das ich letztes Jahr leider einschläfern lassen musste - insofern halten mich jetzt mein Garten und meine Kinder auf Trab. Ansonsten gehe ich gerne aus und treffe mich mit Freunden.
Quick-Fire: 10 schnelle Fragen zum Abschluss
- Kaffee mit den Kollegen oder schneller Espresso? — Kaffee mit den Kollegen!
- Warmblüter oder Kaltblüter? — Warmblüter.
- Alles geplant oder go with the flow? — Eher alles geplant.
- Laufschuhe oder Pantoffeln? — Beides.
- Frühaufsteher oder Nachteule? — Nachteule.
- Flieten oder Grumberschnietscher? — (zögernd) Flieten.
- Großstadtdschungel oder Dorfidylle? — In der Seele eher Großstadtdschungel.
- Wellness oder Freizeitpark? — Wellness.
- Saar-Mosel-Schifffahrt oder Weinberg-Wanderung? — Saar-Mosel-Schifffahrt.
- OP-Saal oder Sprechzimmer? — (lächelnd) Sprechzimmer.
Die Fragen stellte Adrian Donath.